Zivilgesellschaft

Zwei Frauen mit Banner "Picket Ladies Tailors Strikers"

Scheiderinnen egnagieren sich beim Streik der National Women’s Trade Union League of America

Wie ist eine stabile Demokratie in einem Land möglich, in dem die BürgerInnen den eigenen, individuellen Interessen nachgehen? Wie kann es sein, dass eine Gesellschaft nicht in die Hände von GewaltherrscherInnen und DiktatorInnen gelangt, obwohl nur eine vergleichbar geringe Zahl der BürgerInnen politisch aktiv ist? Diese Fragen beantwortete der französische Politiker Alexis de Tocqueville im 19. Jahrhundert mit Blick auf Amerika. Er war fasziniert von der Dynamik der amerikanischen Gesellschaft, in der die gesellschaftliche Selbstorganisation auf dem Engagement der BürgerInnen beruht. Diese aktive Bürgerbeteiligung bildete die Stütze der Gesellschaft, in der sich die Menschen freiwillig zum Wohle der Gemeinschaft engagieren. Auf lachendem Gehorsam schließlich beruhe die Republik, wie der Schriftsteller Peter von Matt beschrieb. Dieser lachende Gehorsam, diese Freiwilligkeit ist die Innovation der modernen Demokratie. Es ist die gesellschaftliche Selbstorganisation, die auf dem Engagement der BürgerInnen beruht, welche wiederum das Konzept der Zivilgesellschaft begründen.

Gemälde von Alexis de Tocqueville durch Théodore Chassériau

Alexis de Tocqueville

Tocquevilles Ansichten sind nach wie vor aktuell. Die Zivilgesellschaft fungiert als Leitbild eines guten und gerechten Zusammenlebens in der Demokratie, in der sich die Menschen aus freiem Willen, auf verschiedene Art und Weise und auf den ersten Blick oft unbewusst für das Gemeinwohl engagieren. Eine Gesellschaft lebt von dem Engagement ihrer BürgerInnen. Und schon die vertrauteste Umgebung ist ein Beispiel für das freiwillige Engagement von Menschen: die Familie. Hier ziehen die Eltern die Kinder auf, der große Bruder passt auf die kleine Schwester auf, Nachbarn helfen sich gegenseitig und die Großeltern genießen die Pflege der Familie, wenn sie selbst nicht mehr die Kraft für alltägliche Aufgaben besitzen. Diese Beispiele dienen nur als Ausschnitt für Aktivitäten, denn das zivilgesellschaftliche Engagement der BürgerInnen bezieht sich auf ein weites Feld gesellschaftlicher Probleme und Bedürfnisse, die weitestgehend außerhalb der Privatsphäre und jenseits von Staat und Markt zu finden sind. Es dient karitativen und politischen Anliegen wie auch der Freizeitbereicherung. Und es findet in traditionsreichen Organisationen ebenso statt wie in mitunter zeitlich begrenzten sozialen Bewegungen.

Hannah Arendt © Käte Fuerst, Ramat Ha-Sharon, Israel

Hannah Arendt © Käte Fuerst, Ramat Ha-Sharon, Israel

Der gewaltlose Umgang ist ein zentrales Element. Zivilgesellschaftliche Aktivitäten stehen für Demokratie, Toleranz, Verantwortung und Vertrauen. Sie sind der Gegenentwurf zu autoritären oder diktatorischen Systemen. Die politische Theoretikerin Hannah Arendt hat den Totalitarismus des Nationalsozialismus miterlebt, emigrierte in die USA und verfasste dort ihre Gedanken zu einem öffentlichen Raum, in dem sich jeder einbringen kann und der frei von staatlicher Repression ist. Die öffentliche Diskussion, das Austragen von Konflikten und eine lebendige Streitkultur können gar gegensätzlich zum politischen Konsens sein. Sie zeugen von Pluralität der Meinungen und bringen die Gesellschaft voran. Das freiwillige Engagement unterstützt diesen Prozess.

Schüler und Passanten vor einem Info-Stand

Engagierte Schüler, Foto: Louis-F. Stahl, Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE

In Deutschland ist nach einer Studie von 2012 mehr als jeder Dritte freiwillig engagiert und regelmäßig unentgeltlich tätig. Ein weiteres Drittel ist zum Engagement bereit, wenn sich die Gelegenheit bietet. Zudem existieren in Deutschland mehr als 550.000 Vereine. Sie sind vor allem in den Kommunen in Form von Sportvereinen und Kindergärten bedeutende Dienstleister und erfüllen oft Aufgaben, die der Staat nicht mehr übernimmt. Auch darum geht es beim zivilgesellschaftlichen Engagement. Oft als dritter Sektor bezeichnet, füllt die Zivilgesellschaft jene Lücke, die weder durch staatliche Institutionen noch durch wirtschaftliche Unternehmen geschlossen wird und ohne die eine Demokratie, auch die deutsche, nicht funktionieren würde.